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150 Jahre "Turnverein" in Davenport, Iowa article
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Denkmal in Davenport für alte Demokraten aus Schleswig-Holstein "

Denkmal in Davenport für alte Demokraten aus Schleswig-Holstein

Stein im Schützenpark der Mississippistadt erinnert an Christian Müller und Theodor Gülich. Ein einzigartiges Zeichen der wirkungsreichen deutschen uswandererwelle im Mittleren Westen der USA steht jetzt in Davenport (Iowa).

Im alten "Schuetzenpark" der Mississippistadt ist am Sonntag ein in den Vereinigten Staaten beispielloses Denkmal für Schlewig-Holsteiner eingeweiht worden. Ein Granitstein erinnert an die deutsche Turnerorganisation, die um 1900 das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Davenport weitgehend bestimmte. Führende Gründer waren die Demokraten Christian Müller (1823 - 1901) aus Holstein mit Flensburger Vettern und Theodor Gülich (1829 - 1893) aus der
Domstadt Schleswig.

Amerikanische Schleswig-Holstein-Fans genossen die Zeremonie bei prächtigem Spätsommerwetter. Der Präsident der "Schuetzenpark Gilde", Kory Darnall, sagte: "Heute ehren wir Männer, Frauen und Kinder, die nicht nur an die Lebensart der Turner glaubten, sondern sie auch überzeugt praktizierten." Die Präsidentin der "Nordwest Turner" in Davenport, Elizabeth Eichner, spannte einen Bogen zum Gesundheitsbewusstsein und zur Joggingbewegung der Gegenwart. Sie repräsentiert schon die vierte Turnergeneration. Auswandererexperte Joachim (Yogi) Reppmann (Flensburg) betonte: "Die frühen demokratischen Ideen des Kieler Männer-Turnvereins (KMTV) von 1844 kamen nach der gescheiterten Revolution von 1848 am Mississippi zur vollen Blüte."

Ein Gesangsduo gab alte Weisen zum Besten - zum Beispiel: "Oh Susanna, wie bist du doch so schön; ich kaufe dir ein neues Kleid; lass mich zum Turnfest gehn." Die "Deutsche Polka Band" intonierte Stimmungslieder wie "Rosamunde" und "Edelweiß". Vor einem Lunch mit Gemüsesuppe, Wurst und Buffalo-Burger sowie Kuchen nach alten deutschen Rezepten hatte Pastor Tom Peterson einen lutherischen Gottesdienst in deutscher Sprache gehalten; dabei wurden auch die Lieder in der Sprache der alten Heimat gesungen.

Die Geschichte der Auswanderfamilie Müller steht für eine einzigartige Entwicklung der transatlantischen Bindungen; sie dokumentiert ein sensationelles Traditionsbewusstsein. Radikalrepublikaner Gülich wurde in Schleswig geboren; Großvater und Vater waren bereits Vordenker der schleswig-holsteinischen Bewegung gegen Dänemark. Zu den Revolutionären gehörten auch Theodor Olshausen (Kiel), Friedrich Hedde (Rendsburg) und Hans Reimer Claussen (Dithmarschen), dessen Tochter Christian Müller heiratete. Wie viele tausend andere verfolgte oder verarmte Deutsche wählten sie um 1850 die USA als neue Heimat.

Christian Müller gründete damals in Davenport die bald erfolgreiche Holzhandlung Mueller Lumber Company. Bruder Georg Wilhelm errichtete in Heiligenhafen eine Baustoffgrosshandlung, die später nach Flensburg verlegt wurde. In Schleswig-Holstein ist die Unternehmenstradition der Familie sehr lebendig geblieben. Der deutsche Zweig betreibt in Flensburg weiterhin die Baustofffirma G. W. Müller. 1983 absolvierte der deutsche Juniorchef Georg Müller ein Praktikum bei einem Cousin in Davenport.

Der in Heiligenhafen geborene Christian Müller war in der alten Heimat Turnwart des KMTV gewesen. Er hatte fünf Söhne, so dass der Familienname im Raum Davenport schnell verbreitet war. Die ersten Turnstunden in der neuen Heimat fanden übrigens in einer Essigfabrik statt, die Müller und Ludwig Weyhe gemeinsam besaßen. Einige Jahre später standen dann eine große
Turnhalle und der Schützenpark zur Verfügung. Trotz der Weltkriege und des riesigen Nordatlantiks brachen die Familienbande nie ab. Der progressive Socialistische Turnerverein von 1852 reklamierte in Davenport Freiheit, Bildung und Wohlstand für Alle. Ausgangspunkt in der
Heimat war eine historisch merkwürdige Verknüpfung sportlicher, politischer und militärischer Ambitionen für den Freiheitskampf: Das Turnen sollte Nationalgefühl und Vaterlandsliebe beleben. Dafür stand vor allem der KMTV.

In den USA gab es Ende des 19. Jahrhundert mehr als 300 Gymnastikvereine in etwa 150 Städten mit über 40 000 Mitgliedern. Sie stießen die Sportbewegung in den Vereinigten Staaten an. Im US-Bürgerkrieg (1861 - 1865) kämpften ganze Turnvereine in der Unionsarmee.

Die radikaldemokratische Tendenz der Turnerbewegung schwächte sich langsam ab. Aber der Verein in Davenport wurde sozialliberaler Mittelpunkt zwischen Chicago und Rocky Mountains. Mit der zunehmenden Integration von Deutschen rückten Geschäftskontakte und gesellschaftliche Veranstaltungen nach vorn.

Eine wichtige Rolle erlangte auch der "Schuetzenverein". Feste lockten Jahr für Jahr viele zehntausend Menschen in den Park und in die "Turnerhall". Theater und Musik, Vorträge und Diskussionen sowie Leibesübungen waren Standards.

Das letzte grosse Turnertreffen in Davenport fand 1923 statt. Eine deutsch-amerikanische Eiszeit samt Naziterror verschüttete das Erbe. Die westliche Freundschaft belebte aber die Erinnerung an gemeinsame Wurzeln. Politiker knüpften neue Bande; Kosmopoliten wie Reppmann erforschten die abenteuerlichen transatlantischen Bindungen. Vor einigen Jahren etablierte sich ein "Turners Remembrance Committee", um den Gedenkstein zu setzen. Einerseits erinnert er an den legendären Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1787 - 1852); andererseits nennt der Stein die Namen Gülich und Müller unter einem vierfachen F-Symbol für die Parole "Frisch, fromm, fröhlich, frei".

Die historische Gilde hat den ehrwürdigen "Schuetzenpark" in Davenport auch anderweitig wiederbelebt. Die alte Strassenbahnhaltestelle wurde neu angelegt, Joggingpfade locken, und Tafeln informieren. Entsprechend schrieb die "Quad City Times": "Wenige Organisationen hatten einen größeren Einfluss auf die Kultur- und Bildungsszene von Quad-City als die Turnervereine." (Der Begriff Quad-City steht für den städtischen Schwerpunkt Davenport mit den drei Nachbarorten Bettendorf, Rock Island und Moline.)

Davenport
Erhard Böttcher